Impressionen

St. Annen goes Africa. Ein Reisebericht von Seifenmanufaktur zu Seifenmanufaktur

1. Oliver Rautenberg fährt von St. Annen nach Afrika, um in Simbabwe eine Seifenmanufaktur zu unterstützen

Wenn man fünfzehn Jahre Tag und Nacht zusammen war, alles gemeinsam gemacht hat, Leben, Arbeiten, Kindergroßziehen, eine Seifenmanufaktur aufbauen, Seife machen, Seife lieben, Seife verkaufen, dann fühlt es sich doch seltsam an, wenn der eine von beiden eines Tages seinen Koffer packt und nach Afrika fährt, um in Simbabwe eine Seifenmanufaktur im Aufbau zu unterstützen. Es ist eine große Erfahrung, für den, der fährt und für den, der bleibt.

„Ohne Sie?“, fragt mich die Metzgerin. „Ja“, antworte ich mit gemischten Gefühlen. „Wir haben schulpflichtige Kinder. Und die haben auch noch Angst vor Krokodilen.“ „Wie lange denn?“, fragt sie. „Zwei Wochen“. „Ach, die zwei Wochen gehen schneller um, als sie denken“, sagt sie freundlich. Ich nicke und fühle mich nur schwach getröstet. Wie gesagt, es fühlt sich unerwartet seltsam an, wenn der eine einen Koffer packt und nach Afrika fährt, um in Simbabwe eine Seifenmanufaktur zu unterstützen.

 

2. Wie es dazu kam

Es war in den 50er Jahren, als der Sambesi, der viertgrößte Fluss Afrikas, aufgestaut werden sollte, um den hohen Energiebedarf der anliegenden Kupferbergwerke zu decken. Eine kleine, für manche Menschen völlig unbedeutende, afrikanische Bevölkerungsgruppe, genannt die Tonga, die am und natürlich durch den Sambesi lebten, musste deshalb komplett umgesiedelt werden. Die Spuren dieser Gewalttat sind noch heute in den Seelen dieser Menschen zu spüren.

Aus dem Geist dieses Schicksals ist ZUBO erwachsen. Ein Projekt, das besonders Tongafrauen auffangen und sie in Lohn und Brot und vor allem in ihre eigene Kraft bringen will.

Was ist die eigene Kraft? Die eigene Kraft ist das, was in mir und in meiner direkten Umgebung liegt. Was ist das in Simbabwe? Das ist Weiblichkeit und Selbstbewusstsein. Das ist Offenheit, Freude und gute Laune und das ist Motivation zum Lernen, zum Aufbauen und zum Arbeiten. Aus genau dieser Kraft ist mit wertvoller Unterstützung des „Welthaus Bielefeld“ in Binga eine kleine, wunderschöne Seifenmanufaktur entstanden.

 

3. Warum Seife?

„Warum Seife?“, mag man sich fragen, aber die Idee ist genial: In Simbabwe gibt es nämlich eine spannende Pflanze, die Jatrophapflanze. Und diese Pflanze hat spannende Samen und diese Samen kann man pressen und daraus Öl gewinnen. Das Spannend daran sind zwei Dinge: Erstens, Jatropha wächst wild. Es muss also nicht bewässert werden, es nimmt keine Anbauflächen in Anspruch, die man vielleicht für den Anbau von Nahrungsmitteln nutzen könnte. Nein, Jatropha ist da. Einfach da. Und zweites, Jatrophaöl ist giftig. Man kann es also nicht essen. Wirklich, wirklich nicht, aber und jetzt kommt das Gute, man kann es verseifen und durch die Verseifung verliert das Öl sein Gift. Jatrophaseife nimmt also absolut niemandem wertvolles, essbares Öl weg. Das ist wichtig. Das sind zwei unschlagbar gute Argumente, wenn es um die Frage geht: „Warum Seife?“

Nun steht die Seifenmanufaktur seit einigen Jahren, ist gut ausgestattet, das Öl wird gepresst, die Menschen sind motiviert und wunderbar ausgebildet, die Seifenherstellung funktioniert, nur ein Problem zeigt sich: Das Marketing läuft noch nicht rund, mit dem Verkauf hapert es, der afrikanische Markt gibt da seifentechnisch nicht genug her. Aber wie wäre es mit dem europäischen Markt? Handmade Soap ist total „in“, ist gesund, ist gut zur Haut, ist basische Körperpflege. Um jedoch den europäischen Markt erreichen zu können, muss die Seifenmanufaktur auf europäischem Standard sein. Und in diesem Zusammenhang kommen wir jetzt ins Spiel.

 

4. Welche Rolle spielt die Seifenmanufaktur St. Annen?

Mein Mann, Oliver Rautenberg, Diplombiologe, Journalist, seit zwölf Jahren Inhaber einer kleinen aber ausgesprochen feinen Seifenmanufaktur in St. Annen, Kenner seiner Materie, erfahrener Reisender und mutiger Abenteurer scheint die optimale Besetzung für diesen Job zu sein: Die Mission lautet: Wir bringen zusammen mit dem „Welthaus Bielefeld“ die Seifenmanufaktur Binga auf europäischen Standard.

Angesetzt sind zwei Wochen Aufenthalt in Afrika mit einer Woche Seminar, Workshop,Training mit den Frauen in der Seifenmanufaktur in Simbabwe und dann wird sich zeigen, ob Jatrophaseife etwas für Europa ist. Aber ich kenne meinen Mann. Er ist sehr perfektionistisch, willensstark und widerstandsfähig. Ich bin sicher, dass er erfolgreich sein wird.

 

5. Unterwegs in Afrika

Frisch gewaschen und gut durchgeimpft steht Oliver dann also vor mir, an diesem Tag im August und versucht zu lächeln. Das klappt nicht so supergut. Der Rollkoffer ist zum platzen voll. Gummihandschuhe, Schutzbrillen, Düfte, Farbstoffe, Spachtel, Klebeband, Scheren und Kugelschreiber nehmen schon den meisten Platz ein. Das bisschen Persönliches ist an den Rand gequetscht. Er wirkt nun doch etwas angespannt, obwohl er sich große Mühe gibt, locker zu sein. Aber es ist ja auch wirklich aufregend, so weit zu Reisen: Vom Bahnhof Melle nach Osnabrück, dann mit dem Zug nach Amsterdam, dann mit dem Flieger nach London, dann 11 Stunden Flug bis nach Johannesburg, dann Viktoria Falls. Simbabwe, Binga.

Ich bringe ihn natürlich zum Bahnhof. Der Zug kommt. Er steigt ein. Monika vom „Welthaus nimmt ihn in Empfang und ruft mir noch zu: „Alles Gute für dich.“ Ich werfe den beiden eine Kusshand zu. Die Tür schließt. Oliver winkt. Ich winke. Der Zug fährt ab. Weiter und weiter. Ich stehe am Bahnhof und es ist alles sehr still. Die Stille ist so, wie nur er sie hinterlassen kann.

Nach 36 Stunden Stille schellt endlich das Telefon. Oliver. Er ist gut angekommen. Die Verbindung ist perfekt, so als würde er vom Nebenraum aus telefonieren. Ich spüre seine Stabilität. Das beruhigt mich. Alles ist gut. „Alles ist ein bisschen so, als wären wir in Afrika“, sagt er. „Elefanten, Giraffen, Affen, Krokodile. Alles fernsehreif. Schlaglöcher, selten andere Autos, viele Menschen auf der Straße mit Dingen auf dem Kopf, Hüttendörfer im Busch neben der Straße, Affen, Ziegen und Rinder, die die Straße überqueren.“ Und per Mail schreibt er: „Morgen werden wir um viertelvorzehn von Rosmary´s Fahrer abgeholt, da wir mit unserem Auto hier nicht in akzeptabler Zeit rauskommen und dann geht´s los. Da wollen wir uns das Jatropha doch mal vorknöpfen“.

Das Seminar läuft und wie mir scheint, läuft es gut. Oliver schreibt am Montagabend: “Die erste Seife ist gemacht und in der Form. Der Tag lief super und alle waren sehr begeistert. Tatsache ist erstmal: Die Manufaktur ist wunderschön und liegt auf einem traumhaften Grundstück. Atmosphärisch eine glatte 1 plus. Die Leute sind alle schwerst in Ordnung und Angeline total aufmerksam mit wachen Augen und schwerst interessiert und mit ihren 46 Jahren bereits Grandma (das nur so am Rande). Und jetzt mal Achtung: Sie setzt immer - also immer - die Lauge am Vorabend an und vermischt sie dann kalt geworden am nächsten Tag mit ebenfalls kaltem Jatrophaöl und gießt nach bereits einer Dreiviertelstunde die dann angedickte Seife in die Form!!! Sie hat noch NIE das Öl erwärmt. Wir haben es heute auf einem kleinen Holzfeuer erwärmt. Morgen machen wir die Seife so, wie sie sie immer macht. Ich bin gespannt. Also seifentechnisch lief es absolut super heute!“

Dienstag geht es im Seminar um Theorie und Papierkram: „Quality control, EU safty ruels, recipies, superfetting, documentation.“ Wie ist der Umgang mit den Jatrophasamen? Wie wird das Öl gepresst? Wie wird es gelagert? Wie wird die Seife gefertigt und dokumentarisch erfasst? Wie wird Sie gelagert, katalogisiert. Wie können wir eine Sicherheitsbewertung erstellen? Wie ist das Öl mikrobiologisch zu bewerten wie die Seife?

Wie sind die hygienischen Bedingungen vor Ort? Gibt es Strom? Wasser? Gibt es Handschuhe? Schutzbrillen? Schürzen? Haarnetze? Die Frauen in Binga sind sehr aufmerksam und sehr bildungsbereit. „Diese Menschen wollen lernen“, sagt Oliver. „Das macht es einfach einfach.“

Mittwoch liegt der Formenbau an. Das Hauptthema lautet: „How to built a nice bar-form“. Und: „How to cut best nice pieces of soap.“ Die Seminartage sind lang und intensiv. Von 9.00 Uhr morgens bis abends 18.00. Lunch gibt es vom Holzfeuer. Beef und Kohl und Maisbrei. „Lecker und absolut essbar“, findet Oliver.

 

6. mission accomplished!!!

Am Donnerstagabend schreibt er: „Wir hatten heute einen Tag, der sich gewaschen hat! Zuerst Höflichkeitsbesuche bei den Offiziellen von Binga & Binga District in Gebäuden und Räumlichkeiten fast als wäre man im tiefsten Afrika. Als wir dann zur Manufaktur gefahren sind, kam gerade ein Minibus mit acht knallbunt gekleideten, heftig schwatzenden Frauen an, dann noch drei weitere Offizielle aus den Ministerien. Die Bude war mit den neunen die wir ohnehin schon sind also knackvoll! Und nur dank eines genialen Einfalls vom Chief Trainer - also meiner Wenigkeit - konnte ich den Nachmittag in eine rauschende Farbparty verwandeln. Die Begeisterung war riesig, die Seife zu heiß, ich am schwitzen und am Ende fühlte ich mich wie Thomas Gottschalk, der komplett durchnässt mit den Worten "Ich habe die Kontrolle über die Veranstaltung verloren" aus dem Pool steigt.“ Ich frage per Mail da mal nach: „Was war denn das für eine Idee?“ Er antwortet: „Jeder bekam einen kleinen Topf mit Seife und ein paar Farbkrümel und ich habe wie aus einer Gulaschkanone jedem einen Schlag Seife gegeben. Die Schlange war lang. Die Seife heiß und stand bereits in der Spüle zum Kühlen.“ Ich spüre die gute Stimmung, die aus seinen Worten strahlt auch in St. Annen.

Dann frage ich noch: „Und was bedeutet es, wenn der Chief Trainer die Kontrolle verliert?“ Es bedeutet, schreibt er, „dass alle in ihrer Aufgabe in völliger Zufriedenheit aufgehen und Teil eines Ganzen werden, das keinen Chief Trainer mehr braucht & dieser das kurz auch schade findet, aber auch nicht mehr kann.“ Ich finde, dass sich das wunderbar anhört: „Dass alle in ihrer Aufgabe in völliger Zufriedenheit aufgehen und Teil eines Ganzen werden, das keinen Chief Trainer mehr braucht!“ Das Beste daran ist: Man braucht ihn nicht mehr, den Chief Trainer, den Soap Doctor. Ein Lehrer ist ein guter Lehrer, wenn er sich selbst überflüssig macht. Und das heißt jawohl: mission accomplished!!!

Fest steht jetzt, dass es absolut möglich ist, den europäischen Markt zu erreichen. Wer, wo, wann die Seife nach Europa bringt, wird sich noch zeigen. Ein Produkt aus Afrika zu importieren ist ein Prozess und keine einmalige, punktuelle Entscheidung.

Am Freitag, dem letzten Seminartag, ging es um Verpackung. Das Thema lautete: „How to pack the soaps with minimal materials in the most attractive way.“ Und dann wurde gefeiert. In seiner letzten Mail aus Binga schreibt Oliver :„Es gab flammende Abschiedsreden, viel Gedanke, viel Lob und alle waren gut drauf. Alkohol floss keiner. Gestern erstmals Bier in Binga gekauft. War recht schwer ranzukommen. Wein gab es keinen. Seminar ist nun vorbei. Morgen fahren wir in einen Nationalpark, übernachten dort und dann geht es am Mittag weiter nach Vicfalls (sagt man, wenn man cool ist). Dort noch eine Nacht, dann Auto abgeben und ab geht`s.“

 

7. Home again

Und jetzt ist er wieder da. In St. Annen. Sehr müde, sehr erfüllt, sehr reich an Erfahrungen. Begeistert von Land und Leuten, von der hohen Arbeits- und Lebensmoral der Menschen in Simbabwe. Er schwärmt noch von den freundlichen, schwarzen Menschen in ihren bunten Kleidern. Die Krokodile und Elefanten wird er nicht vermissen und auch nicht die streitenden Affen in den Bäumen über seinem Kopf. Auch die Spinnen und Frösche in seiner Unterkunft wird er nicht vermissen und nicht das Gurgeln der Flusspferde, das des Nachts durch die scheibenlosen Fenster zu ihm rüber drang. Aber die Sonne wird er vermissen und das lebendige Lachen der Frauen in seiner Arbeitsgruppe. Und ich umarme ihn lange und denke plötzlich an die Worte unsere Metzgerin: „Ach, die zwei Wochen gehen schneller um, als sie denken“. Sie hatte recht! Und doch fühlt es sich unerwartet seltsam an, wenn der eine seinen Koffer packt und nach Afrika fährt, um in Simbabwe eine Seifenmanufaktur zu unterstützen.